Wenn man sich in den Westpazifik begibt und die weiten, glitzernden Wasser zwischen Mikronesien und Melanesien überquert, kann man leicht glauben, die Welt habe an dieser Stelle beschlossen, nur noch aus Himmel und Meer zu bestehen. Die Insel Pohnpei, ein satt grünes Stück Land in einem blauen Ozean, liegt über dreitausend Kilometer östlich der Philippinen und ähnlich weit nördlich von Neuguinea. Die meisten Menschen erreichen sie mit kleinen Flugzeugen, die zwischen den Inseln wie wandernde Vögel unterwegs sind. Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man Atolle wie fragil wirkende Ringe, Lagunen, die so türkisblau sind, dass man den Eindruck hat, ihr Wasser müsse aus Glas bestehen, und Inselberge, die aus dichtem Regenwald ragen. In dieser völlig abgeschiedenen Region liegt ein Ort, der seit Jahrhunderten Geschichten hervorruft. Nan Madol. Eine Stadt im Wasser. Ein Wunder der Südsee. Ein Rätsel, das die Zeit nicht lösen konnte.
Pohnpei ist eine Insel der Extreme. Regen fällt hier in Mengen, die selbst tropenerprobte Reisende überraschen. Der Wald ist so dicht, dass er sich anfühlt wie eine lebende Kathedrale. Lianen, Farnen und Bäumen scheint es egal zu sein, wohin sie wachsen, solange sie wachsen. Die Luft ist warm, feucht und duftet nach Erde, Blüten und etwas, das man schwer beschreiben kann, vielleicht die Melodie der Natur selbst. Umso erstaunlicher wirkt es, dass in dieser Wildnis ein Ort existiert, der mit einer Genauigkeit und Monumentalität gebaut wurde, die man mitten im Pazifik nicht erwarten würde.
Nan Madol liegt an der Ostküste Pohnpeis, etwa acht Kilometer von der heutigen Hauptstadt Kolonia entfernt. Wer dorthin will, gelangt zunächst über eine schmale Straße, die durch Dörfer führt, in denen Hühner frei herum laufen und Kinder in Schuluniformen lachen. Dann erreicht man die Küste, wo Mangroven ihre Wurzeln wie Hände ausbreiten. Von dort aus führt ein schmaler Wasserweg weiter, zwischen dunklen Kanälen und stillem, spiegelndem Wasser. Wenn die Sonne tief steht, verwandeln die Mangroven diesen Weg in ein Gewölbe, das geradezu unwirklich wirkt. Und irgendwann, wenn man glaubt, der Wald habe die Welt vollständig in Besitz genommen, öffnet sich die Landschaft und man sieht sie. Die Basaltinseln von Nan Madol, die wie ein steinernes Labyrinth im Wasser liegen.
Nan Madol besteht aus über neunzig künstlichen Inselchen, die mit Kanälen voneinander getrennt sind. Schon der Anblick ist verblüffend. Die Mauern und Plattformen wurden aus riesigen Basaltsäulen errichtet, die aussehen wie gigantische, säuberlich geschnittene Zylinder. Manche dieser Säulen sind über fünf Meter lang und wiegen mehrere Tonnen. Sie liegen nicht chaotisch, sondern geordnet, wie Baumstämme in einer perfekten Architektur. Die Inseln bilden ein Muster aus Wohnbereichen, Zeremonialplätzen, Mauern und Wegen, die sich zu einer Stadt formen, die wie etwas aus einer alten Legende wirkt.
Man kann Nan Madol nicht ohne ein Gefühl von Staunen betreten. Das Wasser liegt dunkel und ruhig zwischen den Mauern, bisweilen spiegeln sich Wolken oder Palmen in ihm. Der Wind raschelt in den Mangroven, und irgendwo im Hintergrund ruft ein tropischer Vogel. Die Mauern sind von Moos überzogen, manche beginnen zu zerfallen, andere stehen fest, als hätten sie die Jahrhunderte gerade erst begonnen. Es ist ein Ort, der nicht einfach eine Ruine ist, sondern ein Gedächtnis. Ein Gedächtnis aus Stein und Wasser.
Die Menschen von Pohnpei erzählen, dass Nan Madol von zwei Brüdern gegründet wurde, die aus einem Land im Westen kamen. Sie sollen übernatürliche Kräfte besessen haben, manche sagen, sie hätten die Basaltsäulen mit Liedern bewegt, andere behaupten, sie hätten Hilfe von Geistern gehabt. Die Legende erzählt, dass sie eine Stadt bauen wollten, in der die Bewohner dem Gott des Meeres dienen konnten. Die Brüder, so sagt man, schufen die Inseln an einem einzigen Tag, indem sie die Steine aus den Bergen herbeiriefen, die sich daraufhin wie große Vögel durch die Luft bewegten.
Natürlich gibt es wissenschaftlichere Erklärungen. Die Basaltsäulen stammen von einem Vulkan im Inneren Pohnpeis, der prismatischen Basalt erzeugt, ähnlich den Formationen in Irland oder Island. Die Menschen transportierten die Steine vermutlich mit Flößen über Flüsse und Kanäle. Doch wie sie es schafften, solche Mengen an Stein zu bewegen, bleibt ein Rätsel. Nan Madol wurde über viele Jahrhunderte hinweg errichtet, vermutlich um das erste Jahrtausend unserer Zeit. Es diente als religiöses, politisches und zeremonielles Zentrum eines hohen Adelsgeschlechtes namens Saudeleur. Die Saudeleur herrschten über Pohnpei mit einer Machtfülle, die beinahe absolut war. Nan Madol war nicht einfach eine Stadt, sondern eine Bühne, auf der sie ihre Herrschaft inszenierten.
Die Inseln sind unterschiedlich groß. Manche dienten als Wohnstätten für Adlige, andere für Priester, wieder andere für die Aufbewahrung von Nahrung oder Zeremonialgegenständen. Die Insel Pahn Kedira war ein Ort für Rituale, während die Insel Nandauwas, mit ihren besonders hohen Mauern, den Königen vorbehalten war. Hier liegt auch die zentrale Grabkammer, ein Raum aus Basaltblöcken, die so beeindruckend zusammengesetzt wurden, dass man selbst heute noch glaubt, durch ein Portal in eine andere Zeit zu treten.
Wenn man durch die engen Wege von Nan Madol geht, hat man das Gefühl, eine Stadt zu betreten, die nicht für Menschen unserer Zeit gebaut wurde. Alles wirkt größer, schwerer, eindrucksvoller. Manchmal steht man auf einer Plattform und blickt auf das Wasser unter sich. Dann spürt man, wie die Stadt atmet, in ihrem eigenen Tempo, das nichts mit unserer modernen Welt zu tun hat. Es gibt keinen Motorenlärm, keine Hektik, keinen Hinweis auf die Geschwindigkeit, mit der wir heute leben. Stattdessen herrscht eine Stille, die tief in die Haut eindringt.
Doch Nan Madol ist nicht nur ein Ort der Schönheit. Es ist auch ein Ort der Dunkelheit. Die Herrschaft der Saudeleur galt als streng. Überlieferungen berichten, dass sie schwere Abgaben verlangten, dass sie Rituale durchsetzten, die mitunter grausam waren. Irgendwann, so erzählen die Geschichten, erhob sich das Volk gegen sie. Ein Krieger namens Isokelekel soll aus dem Osten gekommen sein, um die Tyrannen zu stürzen. Manche sagen, er sei ein Halbgott gewesen, der aus einer Kokosnuss geboren worden sei. Er führte eine Rebellion an, die schließlich den Untergang der Saudeleur brachte. Die Stadt wurde verlassen, und die Natur begann, sie zurückzuerobern. Seitdem steht Nan Madol im Wasser, halb vergessen, halb gefürchtet.
Viele Menschen der Insel meiden Nan Madol in der Nacht. Sie glauben, dass dort Geister wohnen, die noch immer über die Mauern gleiten. Geschichten erzählen von leuchtenden Gestalten, von Stimmen im Wind, von Schatten, die sich zwischen den Basaltsäulen bewegen. Ob man daran glaubt oder nicht, spielt kaum eine Rolle. Wenn man am späten Nachmittag in Nan Madol steht und die Sonne sich langsam senkt, spürt man etwas, das schwer zu benennen ist. Eine Energie, die weder freundlich noch feindlich wirkt, sondern einfach alt. Sehr alt.
Die Lage der Stadt im Wasser ist faszinierend. Manche Forscher vermuten, dass Nan Madol einst auf trockenem Land lag und erst durch den steigenden Meeresspiegel teilweise überflutet wurde. Andere glauben, die Stadt sei von Anfang an so gebaut worden, dass sie vom Wasser durchzogen war, als würde sie sich bewusst von der Welt abgrenzen. Der Name Nan Madol bedeutet in etwa Zwischen den Räumen und damit ist wahrscheinlich das Netz aus Kanälen gemeint, das die Inselchen voneinander trennt.
Wenn man mit einem Boot zwischen den Mauern hindurch fährt, fühlt man sich unweigerlich wie ein Entdecker einer versunkenen Kultur. Manche der Kanäle sind schmal und wirken wie natürliche Wasserwege, die durch den Wald gegraben wurden. Andere sind breit und gerade, fast wie Straßen aus Wasser. Die Reflexionen des Himmels tanzen auf den Steinen und schaffen ein Muster aus Licht und Schatten, das sich ständig verändert.
Die Bedeutung Nan Madols liegt nicht nur in seiner einzigartigen Architektur, sondern auch in seiner Isolation. Diese Stadt liegt weiter vom Rest der Welt entfernt als die meisten anderen Orte, die große Zivilisationen hervorgebracht haben. Und dennoch entwickelten die Menschen Pohnpeis ein System von Bauweisen, Ritualen und politischer Organisation, das beeindruckend komplex war. Nan Madol beweist, dass Zivilisation keine Frage der Größe eines Landes ist, sondern der Vorstellungskraft der Menschen, die dort leben.
Wenn der Abend kommt und das Licht golden über den Basaltsäulen liegt, sieht die Stadt aus, als wäre sie gerade erst verlassen worden. Die Mauern scheinen zu flüstern. Das Wasser bewegt sich kaum. Der Wald verstummt für einen Moment. In solchen Augenblicken hat man das Gefühl, dass Nan Madol immer noch auf jemanden wartet. Dass es seine Geschichten nicht preisgibt, sondern nur andeutet.
Nan Madol ist eine Stadt, die im Wasser ruht und im Gedächtnis schwimmt. Ein Ort, der gleichzeitig offen vor einem liegt und doch verschlossen bleibt. Ein Meisterwerk, das in der Einsamkeit der Südsee steht, so weit entfernt, dass es fast zu schön ist, um real zu sein. Und doch ist es real. Es liegt da, aus Basalt und Legende, aus Geschichte und Fantasie.
Und wenn man die Insel schließlich wieder verlässt und der Wald die letzten Mauern verschluckt, bleibt der Eindruck, dass man einen Traum besucht hat. Einen Traum, der älter ist als die Menschen, die ihn träumten, und der noch lange weiterträumen wird.

