Wenn man vom ägyptischen Nildelta aus nach Westen reist, hinein in die Sahara, durch ein Land, das immer trockener und weiter wird, taucht man in eine Landschaft ein, die auf ihre ganz eigene Weise majestätisch ist. Die Straße führt vorbei an endlosen Ebenen aus Sand und Stein, an harten Felsformationen, die aussehen wie von einer riesigen Hand skulptiert, und an flirrenden Horizonten, die dem Reisenden immer wieder vorspiegeln, Wasser liege nur wenige Minuten entfernt. Doch dieses Wasser entpuppt sich stets als Lichtspiel der Hitze. Erst nach über fünfhundert Kilometern Wüste, wenn man die Umgebung schon fast für unendlich hält, öffnet sich plötzlich ein grünes Wunder. Die Oase Siwa liegt vor einem, eine Insel aus Palmen, Brunnen und Seen inmitten der gleißenden Leere.
Siwa liegt knapp fünfzig Kilometer östlich der libyschen Grenze, tief im Westen Ägyptens. Von Kairo aus ist es eine weite Reise, die oft über die Stadt Marsa Matruh an der Mittelmeerküste führt. Mit ihren Palmenhainen, Salzseen und Lehmhäusern wirkt Siwa wie ein Ort, den man nicht sucht, sondern findet. Seine Isolation prägte über Jahrtausende hinweg seine Kultur, seine Traditionen und seine geheimnisvolle Aura.
Wenn man Siwa zum ersten Mal betritt, ist das Licht das Erste, was auffällt. Hier scheint die Sonne anders zu leuchten. Durch die grünen Blätter der Dattelpalmen fällt das Licht wie durch ein Netz aus Gold. Die Luft ist warm, trocken und überraschend weich. Zwischen den Gassen der alten Lehmsiedlungen spürt man eine Stille, die nicht leer wirkt, sondern voller Geschichte.
Die Oase wird von einem Netz natürlicher Quellen gespeist, die seit Jahrtausenden für Leben sorgen. Sie fließen aus tiefen Gesteinsschichten, in denen sich die Erinnerung an ein feuchteres Klima bewahrt hat. Ohne dieses Wasser wäre Siwa nur ein weiterer Punkt im endlosen Sandmeer. Doch so gleicht die Oase einem natürlichen Wunder.
Die Menschen, die hier leben, gehören einem Berbervolk an, das eine eigene Sprache besitzt, das Siwi, das sich über Jahrtausende erhalten hat. Die Kultur der Oase unterscheidet sich in vielen Aspekten von jener des übrigen Ägyptens und bildet ein Spiegelbild ihrer Abgeschiedenheit. In Siwa verbanden sich Traditionen, die aus dem Westen Afrikas stammen, mit Elementen der antiken mediterranen Welt.
Eines der berühmtesten Kapitel der Geschichte Siwas beginnt mit einem Mann, der sich daran machte, die damals bekannte Welt zu erobern. Alexander der Große, der Makedonier mit dem unstillbaren Ehrgeiz und der Fähigkeit, Völker für seine Vision zu begeistern, reiste im Jahr 331 vor unserer Zeit von Memphis aus in die Wüste. Er wollte den Gott Ammon aufsuchen, dessen Tempel in Siwa stand. Ammon, der von den Griechen mit Zeus gleichgesetzt wurde, galt als Orakelgott, der die Zukunft kannte. Die Priester dieses Orakels genossen weit über die Grenzen des ägyptischen Reichs hinaus hohes Ansehen.
Die Reise Alexanders war nicht ungefährlich. Das Land zwischen dem Nil und Siwa ist karg und gnadenlos. Der Sand kann sich im Wind wie eine Welle bewegen. Die Hitze ist erbarmungslos. Mehr als einmal soll sein Heer beinahe verdurstet sein. Doch die Legenden erzählen, dass zwei Raben oder zwei Schlangen Alexander den Weg wiesen. Manche sagen, ein plötzlicher Regen rettete das Heer, andere berichten, ein salziger See habe ihnen Wasser geschenkt.
Als Alexander schließlich die Oase erreichte, empfingen ihn die Priester im Tempel des Ammon, der heute als Orakeltempel von Aghurmi bekannt ist. Was sie ihm sagten, ist bis heute ein Rätsel. Die Überlieferung behauptet, sie hätten ihn als Sohn des Gottes begrüßt und damit legitimiert, über die Welt zu herrschen. Alexander verließ Siwa jedenfalls mit dem sicheren Bewusstsein, dass sein Weg von göttlicher Bestimmung begleitet war. Für einen Mann, der bereits die halbe Welt erobert hatte, war dies vermutlich nur eine Bestätigung dessen, was er ohnehin glaubte.
Die Ruinen des Orakeltempels stehen bis heute auf einem Felsen oberhalb der Oase. Die Mauern bestehen aus Lehmziegeln, die in der Sonne hart geworden sind. Die Räume sind schmal, und die Wände tragen Spuren uralter Bemalungen. Wer hier steht und in die Weite der Wüste blickt, spürt die Intensität eines Ortes, der über Jahrtausende hinweg als Tor zwischen Menschen und Göttern galt.
Doch Siwa ist weit mehr als der Ort, den Alexander aufsuchte. Im Herzen der Oase liegt die alte Stadt Shali, eine Ansammlung von eng stehenden Lehmbauten, die ein wenig aussehen wie eine Siedlung aus einer alten Fabel. Die Häuser wurden aus Kershef gebaut, einem Material aus Salz und Lehm, das hart wird, wenn die Sonne darauf brennt, aber bei Regen zu schmelzen beginnt. Genau das geschah im Jahr 1926, als ungewöhnlich starke Niederschläge große Teile der Stadt zerstörten. Heute stehen die Ruinen wie eine Erinnerung an die Zerbrechlichkeit und gleichzeitig die Schönheit dieser Bauweise.
Zwischen den Palmen, Gärten und Quellen der Oase findet man immer wieder kleine Seen, die wie Spiegel in die Landschaft eingelassen sind. Einer der bekanntesten ist der sogenannte Cleopatra Pool, ein natürlicher Quellpool aus klarem, kühlem Wasser. Ob Cleopatra selbst hier badete, ist nicht sicher, aber der Name ist so passend, dass niemand ernsthaft daran rüttelt. Der Pool ist der Ort, an dem sich Reisende gerne erfrischen, besonders nach einem langen Spaziergang durch die Oase.
Doch die größte Schönheit Siwas liegt oft in den kleinen Momenten. Im Vorgebirge der Oase liegen die sogenannten Berg der Toten, eine Anhöhe voller antiker Felsgräber aus der Pharaonenzeit und der griechisch römischen Epoche. Die Bemalungen in einigen dieser Gräber sind erstaunlich gut erhalten. Man sieht Szenen der Unterwelt, Darstellungen von Göttern, Ornamente und Farben, die im Licht der Taschenlampe plötzlich ihre alte Intensität wiedererlangen.
Der Blick vom Berg der Toten über die Oase ist atemberaubend. Tausende Palmen bilden ein grünes Meer, aus dem die Häuser wie kleine Inseln herausragen. Hinter diesem Meer befinden sich die Salzseen, deren Oberfläche in der Sonne schimmert. Und jenseits dieser Seen beginnt die endlose Wüste.
Siwa besitzt eine Ruhe, wie man sie nur selten findet. Die Zeit scheint hier langsamer zu fließen. Die Menschen leben einfach, oft noch in traditioneller Weise. Die Gärten werden bewässert, Datteln geerntet, Oliven gepresst. Handwerker fertigen Schmuck und Körbe. Frauen weben bunte Stoffe, deren Muster Geschichten aus der Berbertradition erzählen.
Historisch gesehen war Siwa immer ein Ort zwischen Welten. Es lag an einer Handelsroute, die Ägypten mit dem westlichen Sahara Raum verband. Karawanen mit Salz, Gold, Datteln und anderen Gütern zogen durch das Land. Doch die Oase blieb stets ein wenig abseits der großen politischen Entwicklungen. Sie war weder königliche Hauptstadt noch Schauplatz großer Schlachten. Sie war ein Ort des Durchatmens, des Rückzugs und der Stille.
Die Wüste um Siwa birgt ihre eigenen Geheimnisse. Etwa fünfzig Kilometer südlich der Oase liegt das sogenannte Große Sandmeer, eine unvorstellbar weite Landschaft aus Dünen, die sich in Wellen über das Land bewegen. Manche Dünen sind über hundert Meter hoch. Wer hier unterwegs ist, verliert schnell jedes Gefühl für Richtung und Entfernung. Doch die Schönheit dieses Sandmeeres ist überwältigend. Das Licht verändert den Sand in jeder Stunde. Am Morgen erscheint er rosig, am Mittag goldgelb, am Abend ockerfarben, und in der Nacht wirkt er wie eine Landschaft aus Schatten und Mondlicht.
Eine der ungewöhnlichsten Sehenswürdigkeiten in der Umgebung ist der Ort Gebel al Mawta, der Berg der Toten, dessen Höhlen und Gräber von Jahrhunderten erzählen. Noch beeindruckender jedoch ist der sogenannte Fossilienberg, ein Ort, an dem uralte Meeresfossilien zu finden sind. Vor Millionen von Jahren war diese Region ein flaches Meer, und der Sand der heutigen Sahara ist in Wahrheit das Erbe eines Ozeans, der längst verschwunden ist.
Was Siwa so einzigartig macht, ist die Kombination aus Isolation und Offenheit. Die Oase ist ein geschützter Raum, umgeben von Wüste, aber zugleich ein Ort, an dem Kulturen aufeinandertrafen. Die Menschen Siwas entwickelten eine Tradition, die sich von jener des Niltals unterschied, und bewahrten sie über Jahrtausende.
Obwohl heute Autos und Telefone in der Oase zu finden sind, hat der Ort seinen ursprünglichen Charakter nicht verloren. Wenn die Sonne untergeht und die Palmen lange Schatten werfen, wenn der Himmel sich rosa färbt und die Luft kühler wird, hört man nur das Zirpen der Insekten und das leise Rascheln der Dattelpalmen im Wind. Die Stille wirkt nicht leer, sondern erfüllt. Sie trägt den Atem der Geschichte und die Stimme der Wüste.
Vielleicht ist das der Grund, warum Siwa bis heute eine starke spirituelle Anziehungskraft besitzt. Manche Menschen kommen hierher, um Ruhe zu finden. Andere, um sich mit der Natur zu verbinden. Wieder andere, um dem Gefühl nachzuspüren, dass die Welt hier langsamer, klarer und bewusster erscheint.
Siwa ist eine Oase im wahrsten Sinn des Wortes. Ein Ort, der Leben spendet. Ein Ort, der zeigt, wie eng Mensch und Natur miteinander verbunden sind. Ein Ort, an dem die Geschichte nicht laut spricht, sondern leise, aber tief. Ein Ort, der den Reisenden verändert, auch wenn er es nicht gleich merkt.

